Prosa

weimar

erostepost Nr. 55, März 2018

Verein erostepost, Salzburg

weimar drängten kalkstein und mergel in die stadt öffneten sich klüfte und schlossen sich wieder um sich erneut zu öffnen und zu schließen wie der atem der rohre unter den straßen der puls der kabel und leitungen darüber bist du auf dem weg in ein neues leben und ein stück weiter siehst du erdfälle dolinen tagbrüche unter deinen füßen ein wellengebirge zur tiefe am abend war der asphalt weich flüssig wie der boden wie moor schwammen die autos zähltest du die bäume zwischen den häusern im park in schwimmbewegungen die vögel die krähen und zeisige die falter und schwärmer bauten fische nester zwischen korallenbäumen dolomitischen mergeln und tonsteinen bliebst du stehen und drehtest dich noch einmal um zu den schatten die dir von straßenlaterne zu straßenlaterne folgten den stimmen die dich riefen von der anderen straßenseite klang metallisch die nacht unter dem hundsstern tropften die perseiden auf dein kleid

du standst barfuß auf dem kopfsteinpflaster lagen deine nicht ausgesprochenen wünsche

an der kirchturmuhr war ein zeiger gebrochen eine falsche zeit hing über der stadt

im geträumten leben war ich wach

wortschaften wohnen mit buchbaumhecken um die häuser

 

augenblicke

seine augen füllten sich mit häusern, straßen zwischen den häusern, fahrenden autos, gehwegen und menschen, ladengeschäften mit kleidern, koffern, schmuck und brillen in den auslagen. und auf einmal tat ihm der kopf weh. der schmerz wanderte vom hinteren ende des auges in die stirn, ins innere der ohren, und zog an der innenseite der schädeldecke über den hinterkopf bis in den nacken. w. wurde schwindelig, er taumelte und ging in der fußgängerzone zu boden. er spürte noch den harten aufprall auf den polierten granitplatten im ellenbogen und steißbein. dann wurde ihm schwarz vor den augen.

die sonne war eine große scheibe aus kupferblech. hängte ich sie hoch in das zelt meiner kindlichen erinnerungen, türmten sich landschaften neben ihr auf, spiegelte sich ihr licht in flüssen, die den zeltboden in verbotene und verbotene länder teilten.

die versuchsanordnung war folgende: ein dichter sollte in einem völlig dunklen raum ein liebesgedicht an eine verflossene geliebte schreiben, in dem die wörter ich, du, wir, liebe, lieben, kuss, küssen, auto und autobahn nicht vorkommen. das gleiche galt analog für eine dichterin. hier die ergebnisse:

fahren die züge nach armenien
weinen die menschen in den abteilen
angesichts ihrer erinnerungen
an die umgekommenen
der sintflut

über die dächer gehen
ist ein alter traum der menschheit
und eine weißstörchin beobachten
kurz vor ihrem flug nach afrika
staunen im garten die kinder
zu ihr hinauf

die alpenseglerin war eine gletscherkundlerin, die die klimaerwärmung erforschte. ihre hände ertasteten die luft und den schnee, ihre flügel überspannten das tal, in das sich menschen geflüchtet hatten, die aus ihren träumen erwachten. für sie gab es keine rettung, keine rückkehr mehr.

w. hatte seine sammlung um eine muschelschale erweitert. diese legte er zwischen das pfennigstück und das welke, gepresste blatt eines bergahorns.

manchmal fiel w. das wort menschen schwer. dann spielte er robinson und wartete auf freitag.

w. war eingekesselt: hinter ihm stand der mob der demonstranten, vor ihm eine hundertschaft polizisten, ausgerüstet mit helmen, schilden und schlagstöcken, dahinter ein wasserwerfer. ein paar meter neben w. zitterte das mädchen.

zerfloss die stadt in einem park um ein altes gartenhaus mit hohem dach, machten wir uns einen frauenplan, stolzierten die esplanaden entlang, winkte uns aus einem schaufenster eine junge gräfin zu, eine angehende buchhändlerin. dichtkunst muss ansteckend sein. [einmal hatte ich einen oleander nach der gräfin benannt, rosafarben, gekauft in der gärtnerei des familienschlosses, überlebte er den ersten winter nicht.]

plötzlich standen wir vor einem massengrab. mord muss eine deutsche tugend sein.

Bertrand et Martine

Inskriptionen no. 9 / 2017 - geheimzustände

Viktor Kalinke & Isabell Barthel (Hg.), Leipziger Literaturverlag (ISBN 978-3-86660-224-3)

Bertrand ist ein hauttyp. Jeden morgen geht er nackt in den kleinen park, drei straßenzüge von seiner wohnung entfernt – die leute nennen ihn den Warschauer Platz, weil sich dort abends polen treffen und von zuhause erzählen – und lässt sich von den krähen die haut blutig picken.

Es war nicht leicht, die tiere dazu zu bringen. Es bedurfte viel geduld, monatelanger anstrengungen. Zuerst brachte Bertrand den vögeln futter mit, teile von geschredderten hühnerküken aus der legebatterie am stadtrand. Sorgfältig verteilte er ein paar meter vor sich auf dem splittweg kükenköpfe mit schnäbeln daran, kükenbeine ohne flaum. Stundenlang saß Bertrand dann ganz still und unbeweglich auf der bank. Und wartete.

Nachdem sich die krähen trotz seiner anwesenheit getraut hatten, das bereit gelegte futter zu holen, verkürzte er nach und nach den abstand zwischen sich und den kükenteilen. Schließlich legte er diese auf seine ausgestreckte hand, seinen oberschenkel oder seine schulter. Später wiederholte er die zeremonie nackt. Bis die krähen begannen, das futter vorsichtig von seiner haut zu picken.

Dann ging er dazu über, die toten küken mit paketschnur an seinen nackten armen und beinen festzubinden, so dass die vögel nur mit gewalt an ihr futter kommen konnten und ihn dabei blutig picken mussten. Schließlich verzichtet Bertrand ganz auf die küken. Die krähen wurden wilder und gieriger. Am ende belohnte er sie mit ganzen küken anstatt nur teilen.

Eine alte frau von schräg gegenüber beobachtete Bertrand regelmäßig bei seinen übungen. Seine haut wurde unansehnlich und wund. Immer öfter blutete sie und entzündete sich.

Manchmal rezitiert Bertrand laut oder in gedanken gedichte von Rilke, Verlaine und Cummings.

Eines tages traf Bertrand Martine. Sie war neu in der stadt und sprecherin eines internetforums für junge borderlinerinnen.

 

Tante Adelheid erschreckt ihren Nachbarn (Relaunch

Um es gleich vorweg zu sagen, die geschichte handelt nicht von Tante Adelheid und auch nicht von ihrem nachbarn. Sondern davon, wie der beton meine katze gefressen hat. Völlig unpoetisch.

In meiner schublade bewahre ich auf: eine alte polaroidaufnahme vom glück, ein tonband mit den stimmen meiner eltern und einen brief von dir. Die wände schmecken nach zement und tier.

In den höhlen der bruchsteinmauer hausen smaragdeidechsen, und am himmel über der autobahn formieren sich stare zu wabernden wolken, um den süden aufzubrechen.

Immer wieder lese ich deinen brief. Atmen heißt nicht zwangsläufig überleben. Es gibt arten von liebe, die gehören nicht in romane. Vielleicht eher als zutat in eine tütensuppe. Aber, das ist geschmackssache.

Das ende der haut naht. Seit geraumer zeit hatte es sich angekündigt. Am ende überrascht es mich doch. Ich ruhe aus von den vielen häutungen, echsen haben es da bekanntlich leichter.

Schwer fällt das licht auf mein kissen. Mein kopf sinkt tief in entendaunen. An einen isostatischen aufstieg ist nicht zu denken. Eher an verlustängste. Wo warst du, als ich schlief?

Die katze hatte mir lange über vieles hinweg geholfen. Die festigkeit von beton übersteigt bei weitem meinen puls in zu dünnen aortawänden. Auf gute nachbarschaft und auf Tante Adelheid!

Gestern habe ich angefangen, gedichte zu schreiben. Ich hetze durch bilder und versmaße. Öffne meine schublade von zeit zu zeit und warte, was passiert. Raumluftbefeuchter.

Im sprühnebel des morgens frühstücke ich endlich wieder einmal richtig. Appetit kommt nicht von großtierjagd. Auch nicht von drittklassigen tagebüchern. Sondern vom lesen deiner briefe. Das ist wie überlebenstraining im supermarkt und schlangestehen an der falschen kasse.

Tante Adelheid ist schon lange tot, und ihr nachbar auch. Die katze streunt durch den betonhimmel, ich streune durch ein stimmengewirr, das aus der schublade drängt. Ach wäre ich doch dichter geworden oder reich. Ich hätte meine haut dafür her gegeben. Jetzt behalte ich sie, ich habe mich an sie gewöhnt.

Drei versuche hat jeder, selbst im märchen.

Hawaii

inskriptionen No. 8 / 2016 - denkspurrillen

Viktor Kalinke & Cecilie Larsen (Hg.), Erata / Leipziger Literaturverlag (ISBN 978-3-86660-215-1)

Martin hatte angerufen und gesagt, dass es ihm schlecht gehe. Ob wir uns treffen können, war er ohne umschweife zum punkt gekommen.
Klar, hatte ich geantwortet.

Was ist los? fragte ich ihn.
Martin ist mein bester freund, und mein einziger.
In der zeitung las ich, dass ein radioteleskop auf Hawaii die am weitesten entfernte galaxie entdeckt habe.
Dreizehn komma acht milliarden lichtjahre entfernt. Dreizehn komma acht milliarden jahre sei das all alt. Die galaxie liege damit am rand des universums.
Was beunruhigt dich daran, fragte ich.
Wenn sich das all ausdehnt, waren wir vor dreizehn komma acht milliarden jahren eins mit dieser galaxie.
Wie konnte sie uns verlassen und sich derart weit entfernen? Weißt du eine antwort darauf?
Ich schaute ihn nur an.
Stell dir vor, das licht, das sie auf Hawaii von dieser galaxie empfangen haben, ist so lange unterwegs gewesen, wie das all alt ist. Genauso gut könnten wir heute am rand des alls sein.
Was soll ich darauf sagen? Stell dir vor, fuhr ich fort, wir hätten keine radioteleskope erfunden und entwickelt, wir wüssten garnichts von dieser galaxie am rande des universums.
Und stell dir weiter vor, in dieser galaxie hätten sie radioteleskope erfunden und entwickelt, und würden damit uns in einer entfernung von dreizehn komma acht milliarden lichtjahren entdecken. Sie würden annehmen, dass wir am rande des universums lebten. Das ist in der tat höchst beunruhigend. Was mich dabei aber tröstet, ist, dass wir garnicht wüssten, am rande des universums zu leben. Denn wir haben ja kein radioteleskop erfunden und entwickelt.

Was mich aber wirklich beunruhigt, ist, dass die menschen auf Hawaii am rande des todes leben.
Martin schaute mich an.
Ich verstehe, sagte er nach einer weile, ich verstehe.

Vielleicht hast du recht. Und nach einer pause: nicht nur auf Hawaii, auch wir hier in Mitteleuropa, leben am rande des todes.
Du und ich.

 

Tante Adelheid erschreckt ihren Nachbarn

Um es gleich vorweg zu sagen, die geschichte handelt nicht von Tante Adelheid und auch nicht von ihrem nachbarn. Sondern davon, wie der beton meine katze gefressen hat. Völlig unpoetisch.

Ausgewählte Prosatexte (veröffentlicht)

erostepost Nr. 49, November 2014

Verein erostepost, Salzburg

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DIE POSTBOTIN

die postbotin.
manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich auf die postbotin warte. sie singt beim verteilen der werbewurfsendung. ich glaube, sie ist die einsamste frau der welt. manchmal hält sie einen brief ans ohr und lauscht den stimmen.

heimat los. die nacht ist gelb und liegt langgestreckt zwischen feld und wald. irgendwo surren autos und fliegen. in der ferne knipst die großstadt ihre lichter aus. die nacht ist grün. manchmal wechselt sie in ein blau oder violett. die sterne schwimmen wie seeungeheuer am firmament. gerne würde ich wissen, wo du bist, oder dich etwas fragen. in deinem letzten anruf sagtest du, dass du vielleicht nach afrika gingest oder in die antarktis. genau festlegen würdest du dich erst unterwegs oder nie.

die nacht ist wie beeren: blaubeeren, erdbeeren, brombeeren, himbeeren und preiselbeeren, sanddorn und schlehen. und später wird sie wie nüsse und mandeln sein.

 

Feldkircher Lyrikpreis 2014

Erika Kronabitter (Hg.), Lyrik der Gegenwart 46, Edition Art Science, St. Wolfgang (ISBN 978-3-902864-40-6)

prūsai. das schilf lehnt an den wind, und seepferde grasen im strandhafer. die dünung heißt nehrung und das stück meer daneben haff. małgorzata weint. jacek ist fort, und andrzej tot. aber wen kümmert das.

vaterträume liegen im boot, und das boot liegt am ufer und schaukelt im see. und mutterträume. aber mutter steht mit beiden beinen fest am ufer und schaut hinaus auf das wasser.

eigentlich kannte ich vater gar nicht, und auch mutter kannte ihn kaum. ich weiß nicht einmal, wann, wo und wie er starb. wenn du das jemandem sagst, das glaubt dir keiner. aber wann mutter starb, und wo, und wie, weiß ich ganz genau.

ich erinnere mich, wie vater mir abends im bett zum einschlafen seemannslieder vorsang, in seinem mecklenburger platt, oder er spielte auf der mundharmonika.

mutter hatte nie etwas übrig für seemannsgarn und derbe späße. manchmal stelle ich mir vor, dass vater in einem boot liegt, das boot liegt am ufer, und mutter steht mit beiden beinen fest an land und blickt hinaus auf den see. sie war am ende nur noch haut und knochen, und sie hatten ihr das kinn mit einem weißen tuch hoch gebunden.

die urnengrabstelle ist schon lange abgelaufen, und ich überlegte, ob ich den stein für mich selbst behalten sollte. aber silvia war dagegen.

du sollst vater und mutter ehren.

 

FIXPOETRY.COM

Text des Tages 10.01.2015

nachbars katze. müde und matt schlägt die kirchturmuhr. schläfrig döse ich auf dem sonnigen balkon. nachbars katze liegt im sommergras und denkt an gar nichts. oder träumt sie sich eine maus. oder schnee. silvia liest in der zeitung die todesanzeigen.

mutter starb an einem grauen novemberabend. das boot hatte sich vom ufer gelöst und trieb auf dem see. mutter lag darin und war tot. kein fährmann, vater nicht, und auf der anderen seite gab es kein blühendes apfelland. ich stand am ufer und weinte. vater sang seemannslieder, aber die hörte ich nicht.

der zeiger der uhr rückt weiter. die glocken läuten zum abendgebet. ich denke an den ersten schnee, der bald fallen und das grab zudecken wird. die katze bringt eine maus.

niemandsland. die schienen führen nach polen, durch das niemandsland bis zur endstation. alte waggons rattern über die schwellen. zu beiden seiten flaches land. irgendwo in der ferne das meer, die nehrung, das haff, und kraniche weiden im salz. wenn sie zurück kommen oder nach süden ziehen, im formationsflug, wird wieder jemand gestorben sein. und vielleicht wird sein grab im fernen russland liegen, oder vor einem tanzboden, zwischen zerbrochenen wodkaflaschen, und die burschen werden um den toten herum stehen, und die mädchen werden schreien und fragen: ist der tot. und ein mädchen wird schreien und weinen und schreien: du hast ihn umgebracht. und der bursche wird sich abwenden von dem leichnam und fortlaufen zurück in das dorf.

und in russland wird ein anderer tot im staub liegen, und der wird kein grab haben.

wenn der zug durch das niemandsland fährt, werden sie die vorhänge der fenster zuziehen. das meer ist nicht mehr weit, die nehrung, das haff, und am himmel der formationsflug der kraniche, ein mädchen wird einen anderen burschen nehmen, und ein anderes mädchen wird warten und keinen mehr nehmen. andere waggons rattern zur endstation, und keiner wird je zurückkehren. nicht die kinder, nicht die frauen und männer, nicht die greise. man wird sie verscharren im sand, und niemand wird um sie weinen, denn da wird niemand mehr sein, sie zu beweinen, denn auch jene werden verscharrt sein. schalom.

 

erostepost Nr. 50, Juni 2015

Verein erostepost, Salzburg

AUGUST

grasnacht
schneidet den himmel das größere stück gehört dir im geäst vogelmenschen im gefieder stimmen die sprache hat die amsel verlassen singen jetzt im garten dämonen jeden tag lege ich futter aus und fallen die vogelmenschen beobachten mich um das haus schleichen leoparden

late nite am abend das update vom häuserkampf von holzschnitt zu holzschnitt nur die pixel sind echt und das blut am hemd des kameramanns digital sterben ist dasselbe wie analog du kannst nicht wegzippen an den ufern mäanders gehst du ins landesinnere

in die hand gelesen die linien deiner handinnenflächen sind wie ein netz aus geleisen einmal fährt dein zug durch eine flusslandschaft weiter in abschiedsebenen und zu fernen heimwehbergen ein anderes mal durch einen verschneiten märchenwald aus dem dich der ruf eines eichelhähers weckt in der schlafmohnlinie kauern zwei kleine nacktschnecken

 

ithaka in die augen ziehen berge eine ganze herde ihre hufe donnern über das gras in die augen ziehen wälder ein verschneites geäst aus überlandleitungen verzweigt sich über die felder wie stämme stehen die masten auf lichtungen legen sich deine hände von irgendwo stimmen schatten und gesichter du sprichst mit den eulen über die haut ziehen pferde kondensstreifen teilen den himmel in verschiedene königreiche von fern das schlagen des windes

schwimmerin blau trochitenkalke strecken ihre stielglieder einem wellengebirge entgegen ein meer ist ein himmel in quallenden gewändern fliegen rochen stille entgegen ruhen in schlammigem boden stimmen aus anderen himmeln anderen gebirgen meeren von fischen durchpflügt und armen
personenbezogene daten atem meine haut frisst mich auf wiegen sich fische in einer hand treiben unschuldsvermutungen über arme und schultern das weiße an einem hals fängt an zu sprechen sagt ein schmerz gleitet mit deiner stimme in ein vergessen zum mund geführt ein becher und ein aurorafalter tastet auf deinen lippen gift

sommerfahrt hinter dem zugfenster flieht landschaft vor meinem blick verschwimmen im angelaufenen atem wald und vögel alle zurück gelassenen himmel meiner mitreisenden ein aurorafalter steht still in der sommerluft schleichen berglöwen durch die gänge und abteile hockt prinz eisenherz in einer ecke und liest gedichte in der ferne das pfeifen eines anderen zuges

gefügekunde das traurige im blick von zoogorillas kopfüber in die stille zu den hautflüglern sagen die amseln am ende eines langen frühjahrs streifen durch eine schneenacht unbedacht einzelne stimmen wie der tagbruch von schiefern und gneisen gefügerelikte früherer gebirgsbildungen haben einen genauen plan wie die flügel von insekten und vögel im streulicht eines morgens oder die sich verändernde haut von echsen und raubtieren bringst du die ordnung der sprache in anarchie hautflügler und amseln sage ich dir schärfen die sinne

freizeitpark künstlich ist die welt geworden mit gras- und buschland hinter ebenen märchenwälder schneeberge im gleißenden sonnenlicht teilen kondensstreifen den himmel in hoheitsgebiete verschiedener könige sitzen prinzessinnen und prinzen in flugzeugen auf dem weg in einen neuen süden unter ihnen ganz klein überlandleitungen nur wäsche fehlt darauf das wäre ein richtiger spaß flusslandschaften ziehen durch regenwälder ein rudel berggorillas und waldelefanten grüßen hinauf und in der nacht breiten sich lichter von metropolregionen wie ein sternenhimmel über dem boden aus unten ist oben und oben erlassen könige neue gesetze und strafen fernsehshows quizsendungen und ein weltweites netz mit freundschaften sozialen kontakten stimmlosen gesprächen lachender gesichter über kleine bildschirme große datenbanken und krankheiten scheinen verschwunden vergessen verbannt in ferne reiseziele warten fremde viren krebs lepra und pest wenn ich nachts in wachträumen bei dir liege und das leopardenmuster auf deiner haut nachfahre mit den augen fragst du wohin wir auswandern werden wenn der distelfalter den schmetterlingsflieder wieder verlässt

adelante auf einem marktplatz im süden schweben stimmen ein wie tauben sitzen leute in cafés und lesen gedichte hinter der säule des brunnens singt einer arbeiterlieder der zeiger der kirchturmuhr bleibt stehen auf der stunde des kampfes ziehen worte durch die nacht von straße zu straße mit frauen mädchen und jungen burschen ganz nah ruft das meer aus seiner einsamkeit kehren wellen und möwen zurück an den strand und barken mit toten darin

nighthawks reloaded ankara – istanbul in die schneenacht einer stadt legen sich gesichter und stimmen mit adonisfaltern und jungen mädchen zwischen scheinwerfer von autos bäume mit zwei drei quadratmeter erde schmecken unsere küsse nach himmel und süden und frühjahr mit berganemonen nach abschied über nassem asphalt blitzen elektrische lichtbögen aus den oberleitungen der tram uns mitten ins herz du gehst langsam durch diese nacht der schnee ist dein brautkleid wie tausend sonnen leuchtet dein antlitz bis unsere hände sich trennen hinter dem lokschuppen und die straßen im morgengrauen verschwimmen

ihre kinder essen salzstangen und lügen zwischen häuserzeilen lesen männer in orange papier auf müll und andere opfergaben keine frauen gehen über straßen silberreiher fliegen über ihren köpfen autos in blau und mauersegler nur ein ulmen-harlekin weiß noch nicht wohin
vorabend ukraine über den download eines bergahornwaldes zieht ein schwarm stare ein gebirge aufgeworfen zu falten tritt zutage das sanfte in schiefern und gneisen die lügen der eltern über den krieg im upload des tages flugbilder von hautflüglern schreiben gesichter in den himmel liest du fratzen heraus schattenwürfe von tragflächen auf menschen echsen und schnee

ohne titel schreie in meinem rücken ein raubtier reißt fleisch mikrosilber auf meiner haut neben nierenrinde dem gedicht fehlen flügel beine arme und ein auge zu einem mensch ein mund und ein ohr zu einem tier eine hirnanhangdrüse zu einem baum in diese tage aus weichselholz lassen stimmen die beskiden fallen entlegene täler fern von allen eisen- und autobahnen von jedem meer nur zwei tagesreisen weit ein meerauge in diesem binnenland tragen góralen an ihren hüten muschelschalen im rücken ein schlafender ritter wacht über einen untergegangenen himmel du legst dich zu ihm

zeitvertreib sukkulententage und –nächte stehen spalier lange schaue ich kranichen nach bis ich nur noch schneeberge sehe rote autos passieren elektrische felder himmelwärts eine getriebene du dürstend nach einem ende ohne verglühen einer sonne ein mond lacht über so viel einfalt

nibelungen unter linden liegen überlandleitungen und gebrochene schallmauern und das sollen die hellsten tage sein an denen man schon zum abendessen licht braucht eine nehrung ein haff und ein bernsteinfarbenes meer der tag ist nichts wert über elektrischen feldern schwärmen schillerfalter in der ferne rollende waggons flugzeuge heulen andrzej ist fort und jacek tot małgorzata weint schon lange nicht mehr wir schneiden weidenruten und aus dem knochen eines hühnerbeins schnitzen wir eine flöte
initiation am lautesten ist jacek und małgorzata schläft leitplanken sind wie die banden eines billardtisches klacken kugeln bei jedem stoß zittert weißes gefieder du spannst dein haar zwischen masten zu einem netz aus erinnerungen wir teilen den schatten eines silberreihers unter uns auf die felder neben der autobahn sind elektrisch vorbei ziehen fahrendes volk und navigierende stimmen zurück bleiben kehllaute als małgorzata erwacht wird jacek still

amphitrite segel gesetzt fährt ein schiff auf und ab in einem wellengebirge versteinerte muscheln im schlepptau am grund tone und mergel seeweibslieder ahoi blühen seerosen und –lilien rauh ist das meer und klüftig wie kalkstein schönheit hat etwas zu tun mit unkraut jäten in gedichten und am meeresgrund deine stimme verrät es wie ein seebeben wachsen korallen bäume nur langsamer tauchen wir durch kaltwasserfronten auf schuppigem gefieder

urknall hypothesen zu blütenstaub zerfallen stimmen aus weltenräumen kommen apollofalter und saugen zwischen planeten und sternen lyrische partikel über flügel von mauerseglern hat sich himmel ergossen langsam tropfen verse um verse auf meinen balkon gehen weiße schuhe neben mir her durch ein land aus wünschen und schnee weiter in ein land der amseln dort sprechen gedichte mit mir

tagebucheintrag "kierling, 3. juni 1924" gestrichen eine dohle atmet nicht mehr über ihr gefieder legen sich laub und verse an einen fluss fliegt sie im winter in eine goldene stadt frisst käferlarven knacken flügel im frost geht eine frau über eine brücke auf der anderen seite stimmen wie hufedonnern von büffelherden über prairiegras tauchen zerfledderte kondensstreifen in abendrot blicke und bekannte gesichter eine dohle atmet nicht mehr über ihr gefieder legen sich laub und verse an einen fluss fliegt sie im winter in eine goldene stadt

inskriptionen No. 6 / 2013 - niemandswiese

Erata / Leipziger Literaturverlag (ISBN 978-3-86660-170-3)

An Weihnachten

An Weihnachten, auf dem baugerüst, als ich den farbeimer umstieß, die ganze farbe floss die hauswand hinab, die frau im zweiten stock öffnete gerade die fensterläden, ich hatte nicht aufgepasst, war unachtsam gegen ihn gestoßen, er kippte sofort, die farbe rann zuerst über das brett, dann die wand, und unten die frau, der laden quietschte beim öffnen, alte läden mit flügeltüren zum öffnen wie fenster, nur nicht nach innen sondern nach außen, und die farbe, zähflüssig und dick die wand hinab, in breiten und schmalen streifen, über die graffiti, das fenstersims, den wandvorsprung im dritten stock, und später schrien leute, was macht der da, was soll das, wer ist das, seht nur die farbe … aber du hast gelacht, einfach nur gelacht, so ein buntes geschenk hattest du noch nie bekommen, es war Weihnachten, mein einziges geschenk für dich, dein einziges geschenk, dein erstes überhaupt, noch nie hatte dir einer geschenke gemacht, hast gelacht, laut gelacht, so fröhlich hatte ich dich noch nie, und dann die frau im zweiten stock … das war ein spaß, über ihre frisch geputzten fenster, ich hatte sie am tag vor Heiligabend beobachtet, wie sie … und dann sind wir weggerannt, um die nächste straßenecke und haben uns nur geküsst … alles war bunt. So konnten wir getrost die stadt verlassen, für immer, und wussten, dass wir nie zurückkehren würden. Nie mehr waren wir später noch einmal so glücklich.

 

Verschnupft (Eine Erkältung im Anzug)

Herr Holle, der Mann von Frau Holle, schüttelte am Dienstagmorgen, wie übrigens jeden Morgen, die Federbetten aus. Weil sie aber noch nass waren, er hatte sie nach der Wäsche zu früh von der Leine genommen, regnete es an jenem Tag anstatt, dass es schneite. Frau Holle, die an besagtem Dienstagmorgen nicht zu Hause war, sie hatte einen Termin beim Hals-, Nasen-, Ohrenarzt, bemerkte den Lapsus ihres Mannes erst, als sie gegen Mittag wieder nach Hause kam. Unterwegs, auf dem Weg vom Arzt zur Wohnung, war sie schon einem Mann mit einem Schiff und vielen Tieren darauf begegnet. Der Alte hatte sich als ein gewisser Herr Noah ausgegeben.

“Du Karl”, Herr Holle hieß mit Vornamen Karl, “wir müssen miteinander reden!”
Herr Holle, also Karl, antwortete: “Worüber?”

Durch das offene Fenster grüßte unterdessen Herr Noah ins Schlafzimmer der Holles: “Guten Tag, ganz schön viel Regen heute! Am Morgen dachte ich noch, es würde Schnee geben, und ich würde mit meinen Tieren Ski fahren anstatt Boot, aber dann dieser Regen! Übrigens, Ihr Federbett hängt noch aus dem Fenster. Holen Sie es besser rein, sonst wird es noch nass.”

Herr und Frau Holle schauten sich stumm an. Unterdessen trieb Herr Noah schon die Straße weiter abwärts.

“Was hat er gesagt, der Arzt?” fragte Herr Holle seine Frau.
“Nichts Schlimmes!” antwortete Frau Holle. “Nur, ein Schnupfen oder eine Erkältung im Anzug!”

dichter:leben

In einem früheren leben war ich dichter. Ich schrieb nur ein einziges gedicht, ein liebesgedicht. Eigentlich schrieb ich es nicht einmal, ich dachte es mir nur aus, sagte es im innern immer wieder auf, damit ich es eines tages meiner angebeteten vorsprechen könnte. Im grunde genommen glaube ich nicht an frühere leben, aber: es ist gut, dass ich eine zweite chance habe für ein liebesgedicht. Als titel trägt es deinen namen.

Inskriptionen No. 5 / 2012 - traumaspiele

Erata / Leipziger Literaturverlag (ISBN 978-3-86660-150-5)

Сіверський Донець (Siwerskyj Donez)

Ich binde mir eine lunge um

und atme tief durch. Ich erzähle Ewa von dem traum, den ich letzte nacht hatte und auch die nächte davor. Wenn ich lange genug im bett wach liege, höre ich, wie der zement im mauerwerk arbeitet. Es knackt, wie wenn du einen marienkäfer mit dem daumennagel zerdrückst. Ewa steht oft mitten in der nacht auf und öffnet die haustüre, damit die katze am morgen zurückfindet. Manchmal schlafwandelt Ewa auch nur. Dann fragt sie, wer die haustüre aufgesperrt habe und wo die katze sei. Am liebsten atme ich salzluft.

Die lunge wird nicht für lange reichen. Ich muss sie mit Ewa teilen und der katze.

Oder gute frische bergluft. Ich glaube, der zement löst sich auf. Irgendwann wird der wind durch das mauerwerk pfeifen und die kälte wird eindringen, oder ich werde durch die ritzen das tageslicht sehen. Ewa ist eine gute und tapfere frau, sie beklagt sich nie.

Eines tages werden mich die lungenflügel hoch in die lüfte tragen. Ich binde mir eine neue lunge um und atme tief durch. Ewa fragt mich, ob ich wieder meinen traum hatte. Heute hat sie sogar die katze vergessen und die haustür nicht aufgesperrt.

 

Solveig

Ohne bücher und ohne das lesen hätte ich meine kindheit und jugend nicht überlebt, besonders nicht die zeit, als es zuhause so schlimm war.
Solveig drehte den kopf und starrte durch den raum. Auf dem tisch lag ein angebissener apfel, schon ganz braun.
Die kräche zwischen vater und mutter, meist nachts, die schläge und die tränen. Bücherlesen war keine flucht, sondern die einzige rettung!
Sie erhob sich vom stuhl und ging zum fenster.
Hörst du mir überhaupt zu, fragte ich.
Sie öffnete das fenster und stieg auf das sims.
Ich beobachtete sie genau.
Sie sprang. –

Gut, dass wir parterre wohnen.

Die türklinke ging nieder, Solveig trat ein.

Was hättest du getan, wenn wir im achten stock gewohnt hätten? fragte sie und setzte sich wieder auf den stuhl.

Erdwärme Ein Romanprojekt (Auszug).

Amalfitana Ein weiteres Romanprojekt (Auszug).

2018 Werner Weimar-Mazur